Sehen

Videos sind immer ein Abenteuer. Eine Lust für die Anschauenden, wenn sie das richtige Video gefunden haben und eine keineswegs immer lustvolle Angelegenheit für die Person, die sich selbst dann erleben darf. Sie kennen das bestimmt aus vielen Handyvideos, die mit Ihnen gefilmt wurden.

Der nachfolgende kleine Filmausschnitt bedarf einer kleinen Einleitung.

2011 habe ich eine Lesung aller mir bekannter Autorinnen und Autoren im Unperfekthaus Essen (nebenbei ein wunderbarer Ort für so etwas und noch viel mehr) veranstaltet. Dabei habe ich nicht nur durch die mehrstündige Lesung geführt, sondern auch selbst gelesen. Das Ganze wurde professionell aufgezeichnet und geschnitten. Die Kuriosität der vollzogenen Idee, dass ich mich am Anfang selbst anmoderiere, hat inzwischen Kultcharakter bekommen und wird immer wieder gern von mir gefordert. Nicht immer gehen geprobte Dinge glatt, aber schauen Sie selbst.

Bitte beachten Sie die Hinweise auf das Buch und die Homepage im Vor- und Nachspann nicht. Das war einmal. Aber noch immer ein Kult ist die Geschichte, die inzwischen Titel meines aktuellen Buches geworden ist, „Heute darf ich auch mal fahren“.

Familie Sale erobert die Welt

1. Platz Open Wort-Café Bochum am 02.02.2012 – Carsten (CeKaDo) Koch

Familie Sale erobert die Welt

Niemand außer mir scheint es bemerkt zu haben. Seit einiger Zeit wird unsere Wirtschaft von der Familie Sale unterwandert. Ein großes, dunkles Geheimnis wabert über diesem Namen. Denn niemand scheint die Gefahr ernst zu nehmen, die nur ich erkenne. Offenbar über Nacht tauchten erst in den Bekleidungsgeschäften der großen Handelsketten fast schüchtern erste Hinweise auf den späteren Eroberungsschlag auf. Ausgerechnet mitten im Sommerschlussverkauf übernahm der Familienclan zunächst die einschlägigen Modegeschäfte. Niemand außer mir achtete darauf, als an den ersten Kleiderständern neben den üblichen Prozentzeichen ein kleines rotes Schild mit der Aufschrift „Sale“ aufgestellt wurde.

Warum diese groß angelegte Übernahme aller Innenstadtgeschäfte unserer Stadt so harmlos und vorsichtig begann, werden wohl nur die Werbestrategen der Sale-Familie wissen. Wer ist Sale? Wo kommen sie her? Und warum zum Teufel bemerkt niemand, was da gerade mit uns passiert. Ich habe über einen langen Zeitraum intensive Recherchen unternommen, um dieser nahezu unheimlichen Übernahme aller Geschäfte in Deutschland auf den Grund zu kommen. Einzig die Dönerbuden an jeder zweiten Ecke dieses Landes sind von der Besitzerergreifung durch die Sale-Familie noch ausgenommen. Noch! Ich vermutete, dass meine Suche mich nach Italien führen würde. Hinein in das Land der Mafiosi und Bestechungen. Doch weit gefehlt, es kam viel schlimmer.

Mein erster Weg führte ins Internet. Tippen sie doch mal bei Google den Begriff „Sale“ ein. Sie erleben binnen Sekundenbruchteilen den gesamten gemeinen Anschlag auf diese Welt durch die Familie Sale. Innerhalb von 0,23 Sekunden wirft Google 750 Millionen Suchergebnisse zu „Sale“ aus. 750 Millionen offene Übernahmen weltweit. Filtern Sie mit Klick auf „Seiten auf Deutsch“ alle ausländischen Übernahmen weg, dann bleiben allein für Deutschland 154 Millionen Sale-Eroberungen festgestellt. Da wir in unserem Land momentan knapp 81,8 Millionen Einwohner beherbergen, entsteht so die erschreckende Erkenntnis, dass die Sales inzwischen jeden Einwohner und jeden Gewerbebetrieb Deutschlands fest in ihren gierigen Händen halten. Und niemand scheint es zu bemerken. Oder wissen Sie sich etwa von den Sales ferngesteuert?

Meinen vorsichtigen Ermittlungen zur Folge gliedert sich der Sale-Clan in der Hauptsache durch die Gebrüder Sale. Haben sie anfangs, wie oben bereits erwähnt, nur vorsichtig den Namen „Sale“ als Kennzeichnung an Kleiderständern angebracht, so sind inzwischen deutlich die Unterscheidungen der Territorien verschiedener Brüder Sale zu erkennen. Es begann damit, dass an den Schaufensterscheiben der übernommenen Geschäfte plötzlich neben den rotweißen Namensschildern „Sale“ der Vorname des ältesten Bruders und Familienführers Total prangte. „Total Sale“ wurde bekannt dafür, dass er ganze Läden räumen ließ und dafür Rabatte bis zu 70 Prozent versprach. Noch heute ist klar, wo Total Sale den Betrieb übernimmt, steht hinterher kein Regal mehr auf dem anderen. Inwieweit total auch für die erste deutsche „50 Prozent auf alles, außer Tiernahrung“ und die damit verbundene Insolvenz einer großen Heimwerkermarktkette verantwortlich ist, blieb bisher unerklärt.

Total setzt als Druckmittel, wenn eine Übernahme zwecks Räumung am Widerstand der Geschäftsinhaber scheitert, gern und häufig die Brüder „Winter Sale“ und Summer Sale“ ein. Diese beiden schlitzohrigen Gesellen schleichen sich als angebliche Geschäftsberater in die Betriebe ein und sorgen sozusagen von innen heraus für eine Auflösung durch Schleuderpreise. Oft bemerken die heimischen Kaufleute viel zu spät, dass „Total Sale“ bereits das Ruder fest in der Hand hat und den Laden in den Ruin treibt. Das Ergebnis ist gewaltig: Fleece-Jacke = Sale, Top = Sale, Pumps = Sale, Kinderjacke = Sale, Nachthemd = Sale, Sale Mode und Sale Wohnaccessoires. Sale, Sale, überall. Wo man heute auch hinschaut, Sale hat die Geschäftswelt fest im Griff. Ging meine Liebste früher zu „Charme und Anmut“ oder zu „Hager und Mager“, geht sie heute zu Sale. Allerdings weiß ich nie, ob es der Sale an der Ecke oder in der nächsten Stadt ist. Denn Sale ist überall.

Gestern ist mir ein erstes Zeichen des jüngsten Mitglieds des Sale-Clans begegnet und das hat mir Angst gemacht. Am Haushaltswarengeschäft gegenüber prangte im Schaufenster der dicke rote Aufkleber „Super Sale“. Darunter stand „Alles muss raus!“ Super Sale ist der Endschlag gegen die Wirtschaft in diesem Lande. „Alles muss raus“. Mir ist klar, was die Sales wollen. Sie wollen das Land für sich allein.

Verzweifelt habe ich mich an unsere Zeitung gewandt. Ich erklärte ihnen, wie es um die Sales steht und was uns allen droht, wenn diese Familie ihr grauenhaftes Treiben weiterhin ungeschoren fortführen kann. Der Redakteur hatte mich erst ernst angehört und dann ausgelacht. Er meinte, ich wäre da einem großen Irrtum aufgesessen. „Sale“ würde „ße-il“ gesprochen und bedeute das englische Wort für „Verkauf“. Alles wäre ganz harmlos und erklärbar. Aber warum sollte ein Verkäufer etwas in englischer Sprache verkaufen wollen, was sich vorher schon gut auch in Deutsch verkaufte? Ein seltsames Rätsel ist das. Betrübt trottete ich also vorhin heimwärts, noch ganz in Gedanken. Plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz, als ich die Zeitung aus dem Briefkasten am Straßenrand holte. Auf der Titelseite prangt eine großformatige Anzeige mit dem Hinweis auf „Sale“ im Innenteil. Ich wusste es, auch die Zeitungsleute sind schon infiltriert.

Während ich noch von den Mülltonnen zum Hauseingang unseres Wohnblocks Richtung Haustür wankte, blieb ich beim Anblick eines Schildes wie geschlagen stehen. „Super Sale“ stand da über einem Schriftzug im Fenster der leeren Erdgeschoßwohnung. Darunter ein „Zu verkaufen“ und eine Makleradresse. Vor unserer Haustür. Super Sale hat zugeschlagen. Alles muss raus! Alle müssen raus! Ich muss raus!